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Esslingen entscheidet am 8. März über den künftigen Standort seiner Stadtbücherei: Soll sie am bisherigen Standort bleiben oder in ein ehemaliges Modehaus umziehen? Vor dem Bürgerentscheid gehen die Meinungen auseinander, und es gibt vieles zu bedenken.

Kaum ein Thema hat die Esslinger Bürgerschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten so beschäftigt wie die Zukunft ihrer Stadtbücherei. Seit 1989 hat die Bibliothek ihren Platz im historischen Bebenhäuser Pfleghof. Weil sie mehr Platz braucht, werden seit vielen Jahren immer wieder Standortalternativen diskutiert und wieder zu den Akten gelegt. Nun soll beim Bürgerentscheid am 8. März – parallel zur Landtagswahl – eine Entscheidung fallen: Bleibt die Bibliothek am aktuellen Standort im Bebenhäuser Pfleghof und wird dort modernisiert, oder soll sie ins frühere Modehaus Kögel umziehen?
Mittlerweile ist die Bücherei ein Politikum. Große Erwartungen wurden über die Jahre geweckt und enttäuscht, eine 25-Millionen-Euro-Rücklage für eine neue Bücherei wurde angekündigt – hinterher hieß es, es habe sie nie gegeben. Der Bürgerentscheid vom Februar 2019 brachte das klare Ergebnis, dass die Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof modernisiert und erweitert werden soll. Doch die Stadt ließ sich viel Zeit mit der Umsetzung des Bürgervotums.
Nachdem OB Matthias Klopfer im Sommer 2022 ein düsteres Bild der Finanzlage gezeichnet und eine „Kostenexplosion“ bei der Bücherei von anfangs kalkulierten 25 Millionen Euro auf mehr als 60 Millionen Euro erklärt hatte, trat der Gemeinderat im Dezember 2022 auf die Bremse und beschloss anstelle der allseits gelobten großen Lösung eine „kleine, feine Sanierung“ ohne Erweiterung ins Nachbargebäude Heugasse 11. Bis heute sehen Pfleghof-Befürworter die „Kostenexplosion“ nicht ausreichend belegt.
Im Spätsommer 2023 schlug der OB vor, die Bücherei ins frühere Modehaus Kögel zu verlegen und dort „eine zukunftsfähige Stadtbibliothek“ zu schaffen. Seither verfolgt die Stadt dieses Ziel mit großem Nachdruck. Der Oberbürgermeister hat erklärt, für die Bücherei gebe es mit dem Pfleghof eine gute und mit Kögel eine sehr gute Lösung. Die Pfleghof-Pläne sind zumindest fürs Rathaus in den Hintergrund getreten. Doch in der Bürgerschaft gibt es auch andere Stimmen. Ein neuerlicher Bürgerentscheid soll am 8. März die Entscheidung bringen. Seit Monaten werden die Argumente für und gegen beide Standorte ausgetauscht.

Finanzen: Nach den jüngsten Ankündigungen des Oberbürgermeisters, angesichts klammer Kassen massiv zu sparen und neue Investitionen nur umzusetzen, „wenn sie weitgehend durch Fördermittel oder das Sondervermögen des Bundes finanziert werden können“, könnten finanzielle Aspekte bei der Wahlentscheidung vieler Bürgerinnen und Bürger eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Flächen: Beim Platzangebot sieht die Stadt Kögel im Vorteil: Im Pfleghof stehen 1838 Quadratmeter Publikumsfläche zur Verfügung, bei Kögel geht die Stadt von 2564 Quadratmetern aus und verspricht „mehr Qualität und mehr Flexibilität“. Die zusätzlichen Flächen, die ursprünglich in den Gebäuden Fischbrunnen 4 und 4/1 eingeplant waren, wurden gestrichen. Die Pfleghof-Befürworter sehen die Chance, den Pfleghof durch die Heugasse 11 um 650 Quadratmeter zu erweitern. Und sie verweisen auf den Architektenwettbewerb zum Pfleghof, der im Bereich der Nanzhalle Erweiterungsmöglichkeiten für die Zukunft gezeigt hatte.

Kosten: Die Stadt taxiert sowohl eine Modernisierung der Bibliothek im Pfleghof als auch den Kauf und die Sanierung des Kögel-Hauses auf jeweils etwa 20 Millionen Euro. Mit weiteren 15 bis 20 Millionen Euro rechnet der OB, wenn der Pfleghof zu einem Kulturquartier werden sollte. Was genau ein Kulturquartier kosten wird, hängt von der endgültigen Konzeption ab, über die aber erst in den 30er-Jahren entschieden werden soll.

Barrierefreiheit: „Am jetzigen Standort ist völlige Barrierefreiheit annähernd unmöglich“, sagt die Stadt. „Das liegt an der historischen Bausubstanz sowie den Vorgaben des Denkmal- und Brandschutzes. Angestrebt wird eine möglichst barrierearme Nutzung.“ Im ehemaligen Modehaus Kögel lasse sich „durch entsprechende bauliche Maßnahmen ein Höchstmaß an Barrierefreiheit erreichen“. Pfleghof-Befürworter erklären derweil, fehlende Barrierefreiheit sei schon beim Bürgerentscheid im Jahr 2019 gern ins Feld geführt, durch den Architektenwettbewerb jedoch weitgehend widerlegt worden. Barrierefreiheit sei für öffentliche Gebäude ein Muss, heißt es von dieser Seite: Ein Kulturquartier könne man nur fordern, wenn man überzeugt ist, dass Barrierefreiheit auch im Pfleghof machbar ist.

Heugasse 11: Das Nachbarhaus des Pfleghofs ist seit den 1990er-Jahren als Erweiterungsfläche für die Bücherei im Gespräch und steht schon lange leer. Erste Pläne für eine größere Bücherei wurden bereits Mitte der 90er-Jahre formuliert und 2013 vertieft. Für die heutige Stadtverwaltung ist die Heugasse 11 keine Option mehr: „Das Gebäude ist sehr kleinteilig strukturiert, hat Durchgangszimmer und nur wenig Tageslicht. Die Umsetzung von Barrierefreiheit ist sehr schwierig. Aus Denkmalschutzgründen kann im Inneren wenig verändert werden. Dies schränkt die Nutzbarkeit der Heugasse 11 für Bibliothekszwecke sehr ein.“ Die Pfleghof-Befürworter finden die Heugasse 11 mit ihrer Kleinteiligkeit gut geeignet, um dort ein Haus mit zusätzlichen Lernplätzen einzurichten, das allerdings nicht Teil des Bürgerentscheids ist. Dass die Heugasse 11 schon vor dem Bürgerentscheid auf einer Liste der Stadt als möglicher Verkaufskandidat aufgetaucht ist, hat manche irritiert.

Einzelhandel: Oberbürgermeister Matthias Klopfer verspricht sich von einer Bücherei im Kögel ein „starkes Signal für eine attraktive Innenstadt und für die Zukunft unserer Stadt“. Kritiker beklagen, dass eine wichtige Einzelhandelsfläche in zentraler Lage verloren gehe. Unter Einzelhändlern sind die Meinungen geteilt. Manche finden, eine Bücherei im Kögel könnte genau an dieser Stelle zur Belebung der Innenstadt beitragen. Andere bezweifeln, ob eine Verlagerung der Bibliothek um etwas mehr als 100 Meter wesentliche Impulse zur Innenstadtbelebung bringen würde, und sie fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, wieder Einzelhandel im früheren Modehaus anzusiedeln. Das letzte Wort haben nun die Bürgerinnen und Bürger am Sonntag. (adi)