Die Bücherei in Altbach ist „Bibliothek des Jahres Baden-Württemberg“. Was sie auszeichnet, hat freilich bei weitem nicht nur mit Büchern zu tun.
Was in der kleinen Bücherei in Altbach schnell klar wird, wenn man sich mit dem Leiter der Bibliothek unterhält: Wie jeder andere Dienstleister muss sich auch eine kommunale Bücherei ständig Neues für ihre „Kunden“ einfallen lassen, um nicht irgendwann überflüssig zu werden. Ganz besonders gilt das offenbar in Zeiten rasant wandelnder Mediennutzung für Bibliotheken.
Genau darin, sich Neues einfallen zu lassen, scheint Tobias Dürr aber auch ganz besonders gut zu sein: Gemeinsam mit nur zwei Mitarbeiterinnen, die sich rund eine halbe Stelle teilen, hat der Bibliothekar ein so facettenreiches Konzept für seine Einrichtung entwickelt, dass der baden-württembergische Landesverband im Deutschen Bibliotheksverband gemeinsam mit dem Sparkassenverband die Bücherei mit dem Titel „Bibliothek des Jahres Baden-Württemberg 2026“ ausgezeichnet hat.
Breites Netzwerk an Kooperationen
Die detaillierte Begründung kennt Dürr noch nicht, wie er sagt. Die Verleihung sei erst im Oktober. Nur so viel wurde bei der Bekanntgabe verraten: Die Expertenjury überzeugte „das breite Netzwerk an Kooperationen, die hohe Besucher- und Serviceorientierung und wie die Bücherei Altbach als kleine kommunale Einrichtung weit über ihre Größe hinauswirken kann“.
Der 33-Jährige kommt denn auch mit dem Aufzählen von Angeboten und Programmpunkten, die seine Mitarbeiterinnen und er selbst stemmen, kaum zum Ende: So bestehen Kooperationen zur Medienbildung mit allen Kindergärten im Ort, der Grundschule, dem Jugendhaus und der Ganztagesbetreuung. „Vorschulkinder können bei uns einen Bücherführerschein machen“, so Dürr. Für Schüler der vierten Klasse gebe es eine Schnitzeljagd durch die Bücherei, zudem beteilige sich die Einrichtung am Klimalerntag. Er selbst gebe kleine Programmierkurse oder es werden Konsolenspielturniere veranstaltet.
„In diesem Sommer beteiligt sich die Bücherei zum achten Mal am landesweiten Wettbewerb ‚Heiß auf Lesen’“, zählt Dürr weiter auf. Speziell für Erwachsene habe er schon Vorträge zur Künstlichen Intelligenz gehalten und dazu, wie man diese im Lesealltag nutzen könne. Überhaupt ist die Altbacher Bücherei digital gut aufgestellt: Die „Onleihe“ von E-Books ist seit langem etabliert, die beliebten „Tonies“, internetgestützte Hörbücher in Form von kleinen Figuren, sind der Renner bei den Kindern. Die jüngste Neuerung ist ganz analog: eine kleine „Bibliothek der Dinge“: Werkzeuge, Beamer oder andere nützliche Geräte lassen sich hier ausleihen.
Dürr bezeichnet die Bücherei ganz bewusst als einen „dritten Ort“, an dem man sich niederschwellig und konsumfrei aufhalten könne. Außer der jährlichen Ausweisgebühr kostet hier nichts Geld. Damit sei die Bibliothek auch ein Raum für Chancengleichheit, sagt Dürr. Das schließe ein, dass die Einrichtung zum Beispiel für jene Platz zum Lernen biete, denen dieser zu Hause fehle. Und auch, dass man hier an einem Tag in der Woche an der Konsole „zocken“ könne, sei letztlich eine Frage der Chancengleichheit, sagt Dürr. „Dadurch kommen Kinder in Kontakt, die sich sonst nie treffen würden.“
Stammbesucher wie die Familie Dieterich wundern sich nicht, dass die nur 270 Quadratmeter große Bücherei einen Preis erhält. Die Familie wohnt in Oberesslingen, kommt zur Bücherausleihe aber lieber nach Altbach: „Sie ist schön überschaubar und gleichzeitig gibt es immer wieder neue Dinge zu entdecken“, schwärmt die Mutter eines zehnjährigen Sohnes. „Sehr groß“ sei das Engagement des Bücherei-Teams. Der zehnjährige Filius schätzt vor allem die Comicauswahl der Bibliothek.
Preisgeld kommt zur rechten Zeit
Das Preisgeld für die Auszeichnung in Höhe von 10 000 Euro dürfte für die Bücherei zur rechten Zeit kommen. Die Gemeinde Altbach hat in diesem Jahr den Medienetat ihrer Bibliothek von 25 000 auf 10 000 Euro gekürzt, erzählt Dürr. Weil die Sparmaßnahme nicht zulasten von Veranstaltungen gehen sollte, können künftig weniger neue Bücher und andere Medien eingekauft werden.
Aber auch auf dieses Problem hat der Bibliotheksleiter schon reagiert: In Kooperation mit der Esslinger Buchhandlung Provinzbuch können künftig in der Buchhandlung ausgewählte Bücher von Bibliotheksnutzern erworben und anschließend der Einrichtung gespendet werden. „Das funktioniert schon recht gut“, sagt Dürr. Wie er das Preisgeld genau investiert, weiß Dürr noch nicht. Für einen lang gehegten Wunsch wird die Summe alleine jedenfalls nicht ausreichen: Ein Selbstverbuchungssystem würde ihn und seine beiden Mitarbeiterinnen sehr entlasten, sagt Dürr. (ts)

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