Neckar Schurwald

Der KJR-Chef will einen Neuanfang wagen

Das Jugendhaus Reichenbach, das der Kreisjugendring (KJR) betreibt, ist seit eineinhalb Jahren geschlossen. Jetzt will der KJR-Chef Ralph Rieck durchstarten.

Wo sollen sie sich treffen? Diese Frage beschäftigt Jugendliche in Reichenbach, für die das Jugendhaus in der Seidenstraße ein wichtiger Treffpunkt war, vor allem jetzt im Winter. Seit eineinhalb Jahren ist das vom Kreisjugendring (KJR) betriebene Jugendhaus geschlossen. Vandalismus im benachbarten Schulzentrum, Ärger mit Nachbarn und eine bis heute nicht aufgeklärte Brandserie im Ort hatten die Gemeindeverwaltung zusammen mit dem KJR veranlasst, die Reißleine zu ziehen. Nun will der KJR einen Neuanfang wagen – und die Wogen glätten.
„Es ist zu kalt, um sich draußen oder in der Tiefgarage zu treffen“, berichtet die 14-jährige Esila. Die Realschülerin aus Ebersbach, die in Reichenbach zur Schule geht, gehört zu den Jugendlichen, die früher im Jugendhaus ein- und ausgingen. Jetzt weichen sie abends in den Edeka aus oder sitzen stundenlang im Vorraum einer Bank, erzählen ihre Freundinnen und sie.
„Das Jugendhaus soll wieder öffnen. Wir wollen Canan wiederhaben“, sagt die 15-jährige Gülü aus Hochdorf, die in Reichenbach ihren Realschulabschluss gemacht hat und jetzt die Berufsschule besucht. Mit Canan ist die frühere Reichenbacher Jugendhausleiterin Canan Agbaba gemeint, die nach Ansicht dieser Jugendlichen „wie eine Mutter für uns war“.
„Wir wollen die Stelle im Frühjahr 2026 neu ausschreiben“, erklärt dagegen KJR-Geschäftsführer Ralph Rieck, der auf einen Neuanfang für die offene Jugendarbeit in Reichenbach hofft. Die Schließung des Jugendhauses, das zentraler Bestandteil offener Jugendarbeit in Reichenbach war, kann laut Rieck kein dauerhafter Zustand sein. Aber ein Weiter so „kann es auch nicht geben“, zumal es „unglaublich viele Beschwerden von Nachbarn des Jugendhauses“ gegeben habe. „Der jahrelange Disput hat uns das Leben erheblich schwer gemacht“, erinnert sich Rieck, stellt aber klar: „Niemand will dort die offene Jugendarbeit abwickeln“.

Vertrauen ist verloren gegangen
Die Schließung des Jugendhauses sei ein nachvollziehbarer Vorgang gewesen: „Wenn Vertrauen zwischen Verwaltung, Politik und Jugendarbeit nicht mehr gegeben ist, wird es schwierig“, erläutert Rieck und ergänzt, auch die Jugendhausmitarbeiterin habe ihre Anteile daran gehabt. In erster Linie habe es ein erhebliches Kommunikationsproblem gegeben. Im Oktober 2024 hatte Bürgermeister Bernhard Richter, der sich damals um die Wiederwahl als Reichenbacher Verwaltungschef bewarb, die Schließung des Jugendhauses mit Sachbeschädigungen auf dem Schulgelände begründet. Ein fehlendes sozialpädagogisches Konzept und stattdessen eine Laissez-faire-Haltung gegenüber den Jugendlichen lauteten weitere Vorhalte von Richter.
Schon vor einem Jahr hatte Ralph Rieck allerdings erklärt, Stammbesucher des Jugendhauses seien am Vandalismus nicht beteiligt. Entgegen anders lautender Vorwürfe sei auch nicht nachgewiesen worden, dass auswärtige Gäste des Jugendhauses damit in Zusammenhang stünden.
In dieser Zeit seien die Nerven in Reichenbach „etwas blank gelegen“, eine bis heute nicht aufgeklärte Brandserie rund um die Kleingartenanlage an der Neuwiesenstraße im Reichenbacher Westen mit erheblichem Sachschaden und Vandalismus im Schul- und Sportzentrum hätten zu einer schwierigen Gemengelage geführt.
Bereits Monate zuvor hatte es im September 2023 einen nächtlichen Brandanschlag auf einen leer stehenden Barbershop in der Hauptstraße in Reichenbach gegeben, der von den Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit zahlreichen Straftaten gesehen wird, die Mitglieder von zwei rivalisierenden Banden im Großraum Stuttgart, so auch im Kreis Esslingen, seit dem Jahr 2022 begehen.
Ralph Rieck bricht erneut eine Lanze für offene Jugendarbeit in Reichenbach in einem festen Haus mit hellen und transparenten Räumen. Dabei soll es sich um ein für alle offenes und bedarfsgerechtes Angebot handeln, das Schülerinnen und Schüler und pubertierende Teenies in den Blick nehme, ihnen bei Bedarf eine Begleitstruktur biete und einen Platz zum Entspannen. Gleichzeitig solle die neue Fachkraft bald raus auf die Schulhöfe, den Sportplatz und abends zum Beispiel auf Spielplätze, wo sich ebenfalls Heranwachsende treffen.
Während der Bürgermeister Bernhard Richter bestätigt, die Gemeinde arbeite an einer Lösung, sagt Rieck, es brauche jetzt die Stellenbesetzung. Zusammen mit der Verwaltung, dem Gemeinderat, den Jugendlichen und der Reichenbacher Schulsozialarbeiterin, die gleichzeitig kommunale Jugendreferentin ist, möchte Ralph Rieck klären, was man brauche. Eine Sozialraumanalyse brauche es „in dem Maß nicht“, da in Reichenbach genügend Experten vor Ort seien.
Dazu zählt der KJR-Chef vor allem die Reichenbacher Schulsozialpädagogin Janina Trinkaus, die mit 25 Prozent Stellenanteil auch das Kommunale Jugendreferat verantwortet, sowie Jochen Lung-Müller, der sich um die Offene Jugendarbeit in der Kulturinitiative „Die Halle“ kümmert.
Gut vorstellen kann sich Rieck übrigens – ähnlich wie in Wendlingen, Deizisau und Ostfildern – für Reichenbach einen Beirat, der die offene Jugendarbeit anregen, schützen und begleiten kann und dem beispielsweise Kommunalpolitiker, Jugendvorstände aus den Vereinen, Rektoren und Verwaltungsfachleute angehören könnten. (com)

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