Der Köngener Arzt und Apotheker André Renz funktioniert das ehemalige Volksbank-Gebäude in der Ortsmitte zu einem Ärztehaus um. Auch die ersten Mieter stehen bereits fest. Eröffnung soll im Sommer 2027 sein.
Wer in Baden-Württemberg einen Facharzttermin sucht, muss oft lange warten. Häufig scheitert es aber schon an der hausärztlichen Versorgung. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg waren Anfang 2026 rund 1000 Hausarztsitze nicht besetzt, die Tendenz ist steigend. Das Land und die Kommunen versuchen mit allen Mitteln gegenzusteuern, bislang ohne viel nennenswerten Erfolg.
Doch es gibt positive Beispiele – dazu braucht es neben einer stabilen Finanzierung aber auch Menschen mit Visionen: So hat der Köngener André Renz, selbst Arzt und Apotheker, im vergangenen Jahr das ehemalige Volksbank-Gebäude in der Ortsmitte gekauft und investiert nun rund sieben Millionen Euro, um aus dem alten Betonklotz ein modernes Ärztehaus zu machen. Die Unterstützung der Gemeinde ist groß. „Wir begleiten und unterstützen das Projekt so eng wie möglich. Das ist ein absoluter Glücksfall für Köngen“, freute sich Bürgermeister Ronald Scholz jüngst bei einer offiziellen Baustellenbesichtigung.
Auch finanziell tut die Gemeinde, was sie kann: So bewilligte der Gemeinderat bereits im Sommer 2025 einstimmig eine Finanzspritze bis zu 640 000 Euro, sofern das Projekt in die Städtebauförderung des Landes aufgenommen wird. Beantragt hatte Renz ein Baukostenzuschuss in Höhe von 1,6 Millionen Euro. Inzwischen ist der positive Bescheid vom Regierungspräsidium in Stuttgart da, es fehlt lediglich noch eine abschließende rechtliche Prüfung. Als Anschubfinanzierung sind bereits 300 000 Euro aus der Köngener Gemeindekasse geflossen, von denen das Land dann 180 000 Euro übernehmen wird.
Die Rückbauarbeiten an dem Gebäude aus den 1960er-Jahren starteten im Sommer 2025, beauftragt wurde mit dem Ulmer Architekturbüro 4plus5 GmbH ein Spezialist im Bereich Praxis, Klinik und Pflege. Parallel hat Investor Renz weiter am Konzept gefeilt. Die Besetzung der großen allgemeinmedizinischen Praxis im ersten Obergeschoss steht inzwischen: Neben Markus Walter, der seine Einzelpraxis in Köngen aufgibt, haben drei jüngere Ärzte, die von den Synergieeffekten einer sogenannten „Berufsausübungsgemeinschaft“ profitieren wollen, zugesagt. Auch Renz, der aktuell als Internist in der Notaufnahme im Ruiter Krankenhaus tätig ist, will dort praktizieren.
Hausarztpraxis von 7 bis 19 Uhr geöffnet
Markus Walter, der 2017 eine bestehende Praxis in der Köngener Hirschstraße übernommen hat, verspricht sich viel von dem Umzug. Etwa, dass er persönlich wieder zu normalen Arbeitszeiten zurückkehren kann, denn momentan kann er von einem Acht-Stunden-Tag nur träumen: „Alleine eine Hausarztpraxis zu stemmen, ist kaum noch zu schaffen“, gibt Walter (Jahrgang 1964) offen zu. Ein weiterer Grund: „Meine bestehenden Räumlichkeiten sind zu klein“, erklärt der Allgemeinmediziner, der sein komplettes Praxisteam mit in die Gemeinschaft einbringen wird.
Geplant ist, dass die neue Hausarztpraxis von 7 bis 19 Uhr durchgehend geöffnet ist, eventuell auch am Wochenende. Der Bedarf ist riesig: „Wir haben bereits jetzt viele Anfragen von möglichen Patienten“, sagt Renz. Damit die Inbetriebnahme der Praxis, die für Sommer 2027 geplant ist, möglichst reibungslos abläuft, wird es im Vorfeld eine Möglichkeit geben, sich anzumelden, wie der 33-Jährige ankündigt.
Aber es gibt auch Rückschläge: Im zweiten Obergeschoss sollte eigentlich eine Kinderärztin einziehen. „Die Verhandlungen waren schon ziemlich weit gediehen“, sagt Renz. Allerdings hat sich die Kandidatin ziemlich kurzfristig umentschieden und dem Projekt eine Absage erteilt. Womit auch die bereits erfolgte Innenraumplanung zu Makulatur wurde. „Das ist blöd gelaufen“, bedauert Renz. Er ist allerdings bereits mit einem anderen Mediziner in engem Kontakt: „Das ist aber kein Kinderarzt, sondern eine andere Fachrichtung.“ Genaueres will er erst verraten, wenn alles in trockenen Tüchern ist.
Fest steht indes die Besetzung im Dachgeschoss: Mit Stefan Westhoff zieht dort ein Gynäkologe ein, der aktuell noch zusammen mit seiner Kollegin Katharina Eggink eine Praxis in Wendlingen hat. Der Frauenarzt liebäugelte schon länger mit einem Umzug. „Meine Praxis ist 40 Jahre alt, die Wände sind nicht isoliert, und von Barrierefreiheit können wir nur träumen“, erklärt Westhoff. „Ich muss noch 20 Jahre arbeiten, es war klar, dass ich diese Zeit nicht in meinen alten Räumlichkeiten verbringen kann.“ Als Renz auf ihn zukam, habe gleich alles gepasst: „Das war praktisch wie geschnitten Brot.“
Zudem seien die Synergieeffekte der zentralen Anmeldung für sämtliche Praxen inklusive gemeinsamer Wartezimmer sowie Voruntersuchungsräume wie EKG oder Blutabnahmezimmer im Erdgeschoss nicht von der Hand zu weisen. Ein weiterer Pluspunkt: Besondere Benefits für die Mitarbeiter wie etwa gemütlich gestaltete Aufenthaltsräume inklusive Billardtisch und eine große Dachterrasse. „Medizinisches Fachpersonal ist heute schwer zu finden und auch zu halten“, sagt Westhoff – da geben oft Dinge wie eine angenehme Arbeitsatmosphäre den Ausschlag, sich für einen Job zu entscheiden oder zu bleiben. (kd)

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