Esslingen

Klinikum Esslingen steht am Scheideweg

Stadt und Landkreis wollen einen Zusammenschluss mit den Medius-Kliniken in alleiniger Trägerschaft des Landkreises prüfen. In den kommenden Monaten sollen mögliche Rahmenbedingungen ausgelotet werden – eine Entscheidung könnte dann Mitte 2027 fallen.

Als der Chef des Esslinger Klinikums Matthias Ziegler im Januar einen Ausblick auf das neue Jahr wagte, war er sicher: „2026 wird für uns ein Jahr der Weichenstellungen.“ Dass damit nicht nur die bauliche Weiterentwicklung des Klinikums gemeint war, ist nun klar: In einer gemeinsamen Pressekonferenz haben Landrat Marcel Musolf und der Esslinger OB Matthias Klopfer vor wenigen Tagen angekündigt, dass beide Seiten „einen Zusammenschluss des Klinikums Esslingen mit den Medius-Kliniken in alleiniger Trägerschaft des Landkreises“ prüfen wollen. Bereits 2014 war eine Fusion angestrebt, vom Kartellamt jedoch wegen wettbewerbsrechtlicher Bedenken untersagt worden. Diesmal rechnen Landrat und OB nicht damit, dass ihnen die Wettbewerbshüter Steine in den Weg legen werden.
Eine Fusion der Medius-Kliniken und des Klinikums Esslingen war auch nach der damaligen Absage durch das Kartellamt immer wieder diskutiert worden. Dass dieses Thema nun mit Blick auf die schwierige Finanzlage der Kommunen und die Klinikreform an Fahrt aufnehmen würde, hatten zuletzt viele erwartet. Schon länger arbeiten die Medius-Kliniken und das Esslinger Klinikum an einem gemeinsamen medizinischen Konzept, das mittel- und langfristig auch „positive Effekte für die Wirtschaftlichkeit der Häuser“ bringen soll. Nun könnte alles rascher und grundsätzlicher kommen.

Keine gesetzliche Pflichtaufgabe der Stadt
„Wir werden sorgfältig bewerten, unter welchen Voraussetzungen ein Zusammenschluss tragfähig sein kann“, erklärte Landrat Marcel Musolf nun. „Sollte sich dieser Weg als sinnvoll erweisen, würde das Klinikum Esslingen Teil unserer Kreiskliniken werden mit dem Ziel, die Trägerschaft in kommunaler Hand zu sichern und die medizinische Versorgung im Landkreis weiter zu stärken.“ Und OB Matthias Klopfer verriet: „Wir befassen uns seit Längerem mit der strategischen Weiterentwicklung unseres Klinikums, weil es uns um eine dauerhaft verlässliche und zukunftsfähige medizinische Versorgung für den gesamten Landkreis Esslingen ebenso wie für unsere Stadt geht.“
Die Krankenhausversorgung sei jedoch keine gesetzliche Pflichtaufgabe der Stadt, so Klopfer. Deshalb habe man schon vor den jüngsten finanziellen Rückschlägen für die Stadt über eine mögliche Fusion nachgedacht unter der Prämisse, dass das Klinikum weiter in kommunaler Hand bleiben soll. Dass die Überlegungen zuletzt auch durch die prekäre Finanzlage der Stadt beeinflusst wurden, mochte Klopfer nicht verhehlen. Gleichwohl habe man bereits Konsolidierungsmaßnahmen auf den Weg gebracht. Sollten die Verhandlungen zu einem guten Ergebnis führen, erwartet der OB eine „große, große, große Zustimmung“ im Gemeinderat.
Der Esslinger Klinikum-Geschäftsführer Matthias Ziegler ist sich mit seinen Medius-Kollegen Sebastian Krupp und Jörg Sagasser einig: „Durch die Bündelung der Kompetenzen und das erweiterte medizinische Spektrum unter einem Dach könnte die Gesundheitsversorgung im Landkreis nachhaltig weiterentwickelt werden. Auf dieser Basis würden wir ein passgenaues und tragfähiges medizinisches Konzept entwickeln.“ Erklärtes Ziel von Klopfer und Musolf ist es, mit einem Zusammenschluss die Grundlagen für eine zukunftsfähige und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung für die 550 000 Menschen im Landkreis zu schaffen. Ob es am Ende zu einem „Zusammenschluss auf Augenhöhe“ kommen wird, den Landrat und OB unisono versprechen, wird auch eine Frage der Konditionen sein. Zahlreiche Fragen sind noch im Detail zu klären – nicht nur medizinische, sondern auch finanzielle. Immerhin investiert Esslingen in den kommenden Jahren rund 200 Millionen Euro in die bauliche Runderneuerung seines Klinikums. Die Aufsichtsräte der Medius-Kliniken und des Esslinger Klinikums haben den anstehenden „Prüfprozess“ bereits begrüßt, auch aus Gemeinderat und Kreistag vernehmen Klopfer und Musolf positive Signale.

Zahl der Betten soll sich nicht reduzieren
Näheres zu den möglichen Konditionen einer Fusion konnten beide noch nicht sagen: „Dafür ist es noch zu früh – wir stehen erst am Anfang.“ Dass an den dann vier Standorten weiterhin zusammen rund 6000 Fachkräfte gebraucht werden, ist für Medius-Geschäftsführer Sebastian Krupp keine Frage. Und auch die Zahl der Betten soll sich nicht reduzieren. „Da sind wir bundesweit eher unterdurchschnittlich aufgestellt“, weiß Matthias Ziegler. Nun sollen in einem mehrstufigen Prüfprozess Chancen und Risiken einer Fusion ausgelotet werden, um „eine verlässliche Grundlage für die Entscheidungen“ in den Aufsichtsräten der Klinikträger sowie dem Kreistag und dem Esslinger Gemeinderat zu schaffen.
Erste Eckpunkte sollen im Sommer 2026 in einer Absichtserklärung festgehalten werden. Im zweiten Halbjahr 2026 soll dann die wirtschaftliche Situation des Klinikums Esslingen detailliert analysiert werden, um auf dieser Grundlage weitere medizinische und juristische Fragen zu klären. Gemeinderat und Kreistag könnten dann bis Mitte 2027 über eine Fusion entscheiden.

Die Kliniken im Kurzporträt
Klinikum Esslingen:
Als modernes Krankenhaus der Zentralversorgung wird das Klinikum Esslingen bislang in städtischer Trägerschaft betrieben. Erklärter Anspruch ist es, Leistungen auf dem Niveau der Maximalversorgung zu bieten. Jährlich werden rund 26 000 Patientinnen und Patienten stationär und 120 000 ambulant am Esslinger Klinikum versorgt. Dafür stehen 677 Betten und teilstationäre Plätze in 16 Fachkliniken und 18 spezialisierten Zentren zur Verfügung. Das Team des Esslinger Klinikums zählt derzeit rund 2000 Fachkräfte.
Medius-Kliniken: Die Medius-Kliniken sind ein kommunaler Klinikverbund im Kreis Esslingen mit insgesamt 1076 Betten an den Standorten Kirchheim, Nürtingen und Ostfildern-Ruit. Jährlich werden mehr als 50 000 Patientinnen und Patienten stationär und rund 185 000 ambulant behandelt. Unter dem Dach des Verbunds kümmern sich 3700 Fachkräfte in 22 zertifizierten Zentren und 31 Fachkliniken um Patienten. Träger der Medius-Kliniken ist der Landkreis. Wie das Klinikum Esslingen sind die Medius-Kliniken akademisches Lehrkrankenhaus der Uni Tübingen. (adi)

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