Der Künstler ist auf einer Wellenlänge mit dem Landratsamt: Seine Skulptur im Innenhof der Kreisbehörde wurde präsentiert.
Sie haben einen Sinn für Dramaturgie. Das Landratsamt Esslingen und Tim Bengel bauten einen breiten Spannungsbogen auf. Die geladenen Gäste mussten einiges an Geduld aufbringen, bis die Skulptur des Künstlers im Innenhof der Kreisbehörde enthüllt wurde. Doch die Besucher des nicht öffentlichen Events waren sich einig: Das Warten hat sich gelohnt.
Groß ist die Skulptur. Das war schon vor der Enthüllung deutlich zu erkennen. Doch sonst gab es keinerlei Hinweise auf ihr Aussehen. Das Kunstwerk war mit einem riesigen roten Tuch verdeckt, das keinerlei neugierige Blicke zuließ. Nach einigen Redebeiträgen kam der große Moment. Ein Countdown noch – dann enthüllte der Schöpfer selbst seine Kreation. Die „Esslinger Welle“ ist nun öffentlich.
Bengels größtes je geschaffenes Kunstwerk
Die silbern schimmernde Figur ist viereinhalb Meter hoch und damit nach Aussagen Tim Bengels sein größtes je geschaffenes Kunstwerk. Wellenförmig greift es in sanften Schwingungen, harmonischen Bewegungen und weichen Rundungen den Neckar, das naheliegende Wasser und die Lichtspiegelungen auf. Die Gestaltung sei aber auch bewusst offen konzipiert, hatte Tim Bengel im Vorfeld der Enthüllung gesagt. Eine Flamme solle erkennbar sein. Eine Flamme, die für das Landratsamt lodere.
Die Gestaltung für den Innenhof der Kreisbehörde war nach Angaben des in Ostfildern Geborenen, der in Esslingen lebt und arbeitet, eine Herausforderung gewesen. Er habe sich die Gegebenheiten vor Ort genau angeschaut, verriet er bei der Enthüllung, und für sich festgestellt: „Das Kunstwerk muss mit der Architektur mithalten können.“ Da die Wände im Innenhof der Kreisbehörde sehr dunkel gehalten sind, habe er sich für eine helle Ausgestaltung der Skulptur entschieden.
Zum Aussehen des Kunstwerks war im Vorfeld nicht zu viel verraten worden. Fast aber, so verriet Tim Bengel schmunzelnd bei der Enthüllung, wäre die ganze Überraschung zunichte gemacht worden. Die Figur war in der Kunstgießerei Strassacker in Süßen im Kreis Göppingen gegossen worden. Für den Rücktransport nach Esslingen wurde sie auf einen großen Transporter geladen und war somit von allen Seiten her einsehbar. Der Transporter habe auf der Bundesstraße 10 einen Stau verursacht und manche Verkehrsteilnehmer hätten ihr Handy gezückt, um eigene Videos zu drehen. Er habe schon befürchtet, dass der Überraschungseffekt etwa durch eine Veröffentlichung der so gemachten Filme in den sozialen Medien verpuffe, so Tim Bengel.
Die Angst war wohl unbegründet. Die „Ahs“, „Ohs“ und anderen verwunderten Ausrufe bei der Enthüllung lassen vermuten, dass die Spannung bis zuletzt gewahrt werden konnte. Das Landratsamt hatte im vergangenen Jahr einen offenen Kunstwettbewerb zur Gestaltung des Innenhofs seines Neubaus ausgelobt. Gut 50 Entwürfe von Künstlerinnen und Künstlern seien eingereicht worden. Zunächst wurden die Vorschläge anonymisiert der Beratungskommission Kunst des Landkreises präsentiert, heißt es vonseiten der Behörde. In einer zweiten Runde kamen die Kunstschaffenden zu Wort. Sie durften ihr Modell der Beratungskommission vorstellen.
Diese wählte drei Entwürfe aus, die nach einer künstlerischen und bautechnischen Prüfung in die engere Auswahl kamen. Noch einmal durften die Künstlerinnen und Künstler dann die Werbetrommel für ihr Werk rühren, so das Landratsamt: In einer Videobotschaft stellten sie ihr Modell der Belegschaft vor. Sie hatte das letzte Wort. Etwa 900 Mitarbeitende haben sich laut Landrat Marcel Musolf an dem Voting beteiligt. Mit großer Mehrheit hätten sich die Abstimmenden für Tim Bengel entschieden.
Kunst in Zeiten klammer Kassen? Auch der Landkreis muss den Gürtel enger schnallen. Er könne darauf verweisen, so der Kreischef, dass die finanziellen Gegebenheiten zum Zeitpunkt des Beschlusses zur künstlerischen Ausgestaltung des Neubaus des Landratsamtes noch andere gewesen seien. Doch ein solcher Hinweis greife zu kurz. Der Kreis Esslingen sehe sich auch in der Pflicht, Kunst öffentlich zu machen und Kunstschaffende aus der Region zu fördern. Es solle zu einem Dialog zwischen Öffentlichkeit und Kunst eingeladen, Menschen zusammengebracht werden. Der Arbeitsort der Mitarbeitenden im Landratsamt solle zudem attraktiv gestaltet und ein künstlerischer Identifikationspunkt geschaffen werden: „Wir sind keine triste Behörde und wollen es auch nicht sein.“ Durch Kunst solle das deutlich gemacht werden.
Sowohl eine Welle als auch eine Flamme
Keine triste Behörde also. Aber dennoch eine Behörde. Und bei der Zusammenarbeit mit Behörden gibt es in der Regel Vorgaben. Auch sie stellten Tim Bengel, eigenen Angaben zufolge, neben der Architektur des Innenhofs vor Herausforderungen. Der Gedanke etwa an einen Brunnen als Kunstwerk habe er verworfen, als er in Vorgaben gelesen habe, dass kein fließendes Wasser verwendet werden dürfe. Auch dass keine Schrauben in die Wände eingeschlagen werden dürften, habe er beachten müssen. Und noch so manches mehr. Geschafft hat er es dennoch. Für ihn sei die Skulptur ein Dialog der Elemente, sagt Tim Bengel: „Sie erwächst aus der Erde, greift gen Himmel und lässt in ihrer Form sowohl eine Welle als auch eine Flamme sichtbar werden – eine Symbiose aus fließender Bewegung und energetischer Kraft.“ (sw)

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