Nürtingen

Geschichten aus Siebenbürgen nach Großbettlingen gebracht

Ralf Pfann hat die Märchen, die seine Mutter immer erzählte, für seine Töchter in Buchform gebracht.

Ralf Pfann aus Großbettlingen hat ein Buch für seine Töchter Antonia und Therese geschrieben, das einen ganz engen Bezug zur Familiengeschichte hat: Als kleiner Junge hat er immer mit Begeisterung den Geschichten seiner Mutter und seines Großvaters zugehört, die in Siebenbürgen wurzeln. Von dort stammt Ralf Pfanns Familie, die Erzählungen wurden seit jeher der nächsten Generation weitererzählt. Diese Familientradition führte der heute 55-Jährige bei Spaziergängen, am Lagerfeuer sitzend oder auf Skihütten weiter. Nun hat er die Geschichten aufgeschrieben und in ein Wintermärchen von drei Königen, die die Mädchen Antonia und Therese begleiten, gepackt.
Mit dem 61-Seiten-Büchlein „Antonia und die Könige“ hat Ralf Pfann seine Familie überrascht: „Wir wussten, dass er es mal machen wollte“, erzählt die 18-jährige Abiturientin Therese Pfann. Niemand ahnte jedoch, dass er es längst getan hatte, bis an Weihnachten zwölf Familienmitglieder inklusive Familienoberhaupt Margret Pfann zusammensaßen und für jeden das identische Geschenk unter dem Christbaum lag. Die Lieferung sei für später angekündigt gewesen und sei wider Erwarten an Heiligabend in der Post gewesen – ein perfektes Timing, so Pfann lächelnd. „Ich bin so froh, dass er das gemacht hat“, zeigt sich seine 88-jährige Mutter auch nach über drei Monaten gerührt von der weihnachtlichen Überraschung ihres Sohnes. Auch wenn sie längst in Großbettlingen sesshaft sei, bleibe das kleine Dorf Nadesch in Siebenbürgen eines: die Heimat.

Ein Koffer voller Bücher als Schatz
Das Buch ihres Sohnes ist vieles: Die Wiedergabe von Erinnerungen, die Geschichten sind aber auch geprägt von den Erfahrungen von Trennung, Wiedersehen und Neubeginn nach der Ausreise der Familie vor rund 65 Jahren. Margret Pfann war 22 Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Brüdern im Zuge der Familienzusammenführung Rumänien verließ und nach Großbettlingen kam. Damals hatte die Familie den Vater 17 Jahre nicht mehr gesehen. „Er durfte nicht mehr nach Rumänien einreisen“, erinnert sich Margret Pfann. Er habe ihr bei einem Heimaturlaub während des Zweiten Weltkriegs aber einen unerwarteten Schatz hinterlassen: einen Koffer voller Bücher, darunter auch drei wundervolle Märchen. Diese Bücher habe sie nicht mit nach Deutschland nehmen können, aber die Erinnerung daran schon.
Und da kommt Sohn Ralf ins Spiel, der gemeinsam mit seinem Bruder und Freunden als Kind seiner Mutter gerne beim Erzählen der Geschichten zugehört hat. „Egal wo sie war und was sie gemacht hat, erzählte sie uns diese wunderbaren und manchmal auch wehmütigen Geschichten“, erinnert er sich.

Auf Recherche in Rumänien
Im Garten oder selbst beim Bügeln haben sie sich um die Mutter geschart. Auch die Besuche seines Großvaters Hans sind ihm noch in guter Erinnerung: „Unser größter Wunsch war stets, von ihm Geschichten zu hören. Wir haben ihn regelrecht dazu gedrängt“, so der inzwischen 55-Jährige.
Als einige Familienmitglieder 2013 gemeinsam in Nadesch waren und seine Mutter und ihre Brüder in Erinnerungen schwelgend durch den Ort liefen, reifte in ihm die Idee: „Ich wollte die Geschichten aufschreiben“, so Ralf Pfann. Er fing tatsächlich damit an, das Projekt geriet dann aber in Vergessenheit, und erst 2024 kamen ihm seine Aufschriebe aus einem traurigen Anlass wieder in die Hände: „Mein Onkel war gestorben und ich wollte einen Nachruf verfassen“, erinnert sich der Großbettlinger.

Dieses Mal habe er konzentriert daran gearbeitet, sei für Recherchen sogar in Rumänien gewesen. „Geschrieben habe ich die Geschichten aber aus dem Kopf raus und habe gleich von Mama einen Rüffel bekommen“, meint Ralf Pfann lachend.
Das kann seine Mutter bestätigen: Ihr Sohn habe wesentliche Aspekte bei der Geschichte der heiligen Genoveva vergessen – aber das änderte nichts an ihrer Freude über das Buch.
Die Geschichten werden in der Familie seit Generationen erzählt, und so soll es auch bleiben, wie Tochter Antonia unterstreicht. Das beim holländischen Selfpublishing-Verlag Bookmundo erschienene Büchlein ihres Vaters mache es ihrer Generation leicht, die Tradition des Geschichtenerzählens fortzuführen.
Als ich gelesen habe, sind bei mir viele Erinnerungen an meine Kindheit geweckt worden“, gibt die 20-jährige Studentin zu. Und das sei ein tolles Gefühl gewesen.

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