Neckar Schurwald

Glasfaserausbau mit Hindernissen

Wie andernorts auch, haben in Altbach die Arbeiten zur Verlegung der neuen Leitungen zu Unmut geführt. Viele Gehwege sind derzeit für Menschen mit Einschränkungen kaum noch zu benutzen.

Es geht vor allem um hohe Absätze mitten auf den Fußgängerwegen: Die Bauarbeiten im Zusammenhang mit der Verlegung der neuen Glasfaserleitungen verursachen in Altbach seit Monaten Groll. Jetzt haben Timo Koch und Alexander Kneesch von der Firma GVG Glasfaser dem Gemeinderat einen Bericht zum Stand der Arbeiten gegeben. „Die vergangenen Wochen und Monate waren recht turbulent“, räumte Kneesch, der Gebietsleiter für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, ein. Es habe immer wieder Probleme mit den Tiefbauunternehmen gegeben. Wiederholt wurden diese gewechselt.
Die Situation beim Glasfaserausbau sei bundesweit schwierig. Der Zinsanstieg setze viele Unternehmen unter Druck. Hinzu kämen knappe Tiefbauressourcen, was zu steigenden Preisen und gleichzeitig zu einer sinkenden Qualität führe. „Die Lage ist angespannter geworden“, sagte Kneesch. Positiv bewertet er, dass mit Palladio ein deutscher Investor hinter GVG stehe, den die Zinsentwicklungen nicht aus der Bahn werfen werden. „Das Projekt steht auf einem soliden Sockel.“

GVG hinkt den Zeitplänen hinterher
Kein Geheimnis machte Kneesch daraus, dass GVG seinen Zeitplänen hinterherhinke, was keinesfalls im Sinne des Unternehmens sei. „Unser Investor möchte Umsätze sehen.“ Eigentlich hätten im laufenden Jahr bereits 500 Haushalte angeschlossen werden sollen, sagte Kneeschs Kollege Timo Koch, der Gesamtabteilungsleiter der GVG Baden-Württemberg. Die neuen Pläne sehen vor, dass die ersten Kunden in Altbach im Januar einen Anschluss bekommen. Die Backboneanbindung, also der Anschluss Altbachs an das bundesweite Datenautobahnnetz, soll noch im laufenden Jahr erfolgen.
Ärgerlich fanden verschiedene Gemeinderäte, dass viele nicht abgeschlossene Bauarbeiten Fußgänger behindern. „Das kann so nicht über den Winter gehen“, forderte die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Barth. Besonders Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt seien, beispielsweise Rollstuhlfahrer oder Senioren mit Rollatoren, hätten Probleme. Mehrere Räte drängten darauf, dass die Gehwege über den Winter so hergerichtet werden, dass sie uneingeschränkt begehbar sind. Man sei stets bemüht, die Mängel zu beheben, versicherten die GVG-Vertreter. Aber die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die wiederum viele unterschiedliche Subunternehmen beschäftigten, sei schwierig.
Doch es sind nicht alle Widrigkeiten den Tiefbauunternehmen zuzuschreiben. Immer wieder haben die Arbeiter mit nicht gut ­gepflegten Plänen zu kämpfen. So wurde etwa beim Bau des Point of Pre­sence (Pop) in Altbach versehentlich eine Abwasserleitung beschädigt, die nicht in den Plänen eingezeichnet gewesen war. Der Pop musste daraufhin ein wenig versetzt gebaut werden, was zu höheren Kosten und einer Verzögerung geführt hat.
Dass die beschriebenen Probleme in Altbach keine Ausnahme sind, bestätigte der Infrastrukturmanager Oliver Bauer vom Zweckverband Breitbandversorgung Landkreis Esslingen. „Baumängel beobachten wir im ganzen Landkreis“, sagte er. Der Markt sei in Bewegung, was zu Problemen beim Breitbandausbau führe. „Es gibt Übernahmen und Insolvenzen. Die Tiefbaukosten sind explodiert, und die Ressourcen gehen immer weiter zurück“, sagte Bauer im Gleichklang mit den GVG-Vertretern. Wichtig war es ihm ­jedoch zu betonen, dass die Probleme beim Ausbau in aller Regel nicht so groß seien, dass sie zu einem Baustopp führten. Meist könnten sie kurzfristig behoben werden. „Gravierendere Fehler sind mir nicht bekannt beziehungsweise wurden nicht an uns kommuniziert.“
Dem Zweckverband bekannte Mängel beziehen sich beispielsweise auf unsauber eingebrachte oder verlegte Oberflächen, die zu Stolperfallen werden können. Derlei Probleme müssten zeitnah behoben werden. Auch fehlende Verkehrssicherungen wie in Altbach gebe es andernorts. Ein weiteres Beispiel seien fehlende Zugänge für Anwohner zu deren Wohnungen. Derzeit werden 17 der 44 Kommunen im Landkreis baulich erschlossen.

Info: GVG lädt die Bürgerinnen und Bürger von Altbach und Deizisau zum „Glasfaser-Lichterfest“ am Donnerstag, 21. Dezember, 15 Uhr, in die Sirnauer Straße 56 in Deizisau (Techno-Land).

Deutschland hinkt beim Glasfaserausbau hinterher
Stimmung:
Früher Goldgräber-, heute Katerstimmung – die Glasfaserbranche in Deutschland scheint seit einigen Monaten geradezu in einem Stimmungstief zu versinken. Aus gutem Grund: Die EU-Kommission bescheinigte der Bundesrepublik im September 2023 „sehr schwere Mängel“ beim Glasfaserausbau.
Probleme: Zu den Problemen zählen neben vielen Regeln und Verordnungen auch die steigenden Tiefbaukosten und die höheren Zinsen. Hinzu kommt die Marktstruktur: Neben der Telekom tummeln sich wohl mehr als hundert weitere Anbieter auf dem Markt. Doch oft lassen sich Orte nur unrentabel ans Netz anschließen.
International: Lange wurde in Deutschland auf das Kupferkabel gesetzt. Im OECD-Ranking erreichte Deutschland im vergangenen Jahr beim Anteil von Glasfaseranschlüssen an allen stationären Breitbandanschlüssen mit 9,17 Prozent nur einen der hinteren Plätze. Hinter Deutschland liegen nur noch Österreich, Belgien und Griechenland. Spitzenreiter ist Südkorea mit einem Glasfaseranteil von 88 Prozent.  (bra)

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